Angekommen...

Bahnhöfe.... eigentlich hasste Bea diese Orte, an denen die Traurigkeit beim Abschiednehmen fast greifbar war. Heute aber musste es sein. Schon lange hatte sie diesen Plan gefasst und heute würde sie ihn ausführen, komme was da wolle.

Aber konnte man es überhaupt Plan nennen? War es nicht nur ein Traum der sich manifestiert hatte ? Ein Gefühl für das es keine Worte gab, die Verwirklichung ihres sehnlichsten Wunsches ?
Was auch immer der Grund dafür war, dass Bea jetzt auf diesem Bahnsteig stand und auf den Zug nach Osten wartete. Jetzt gab es kein Zurück mehr...
Sie wollte endlich Bescheid wissen, über diesen Mann, der ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte, mit dem sie ihre Träume lebte.

Heute Nachmittag würde sie ihm begegnen, ihm in die Augen sehen und alle Zweifel würden vergessen sein.
Zweifel...- Bea lachte leise, als sie sich dieses Wort auf der Zunge zergehen ließ. An ihren Gefühlen für ihn bestanden nie Zweifel, nicht für sie. Sie wusste um ihre Liebe zu ihm, diese Liebe die so tief war, dass sie lieber selbst unglücklich geworden wäre, nur um ihn glücklich zu sehen.

Die Zugfahrt ging schneller vorbei als Bea es sich gewünscht hätte. Gern wäre sie noch weiter so gefahren, gewiegt vom monotonen Geräusch der Räder, das nur ab und an durch eine Weiche unterbrochen wurde. Sie hing ihren Gedanken nach und malte sich diese erste Begegnung aus, so wie sie es schon 100 Mal vorher getan hatte.

Eine Zugdurchsage riss sie aus ihren Gedankenflügen, es waren nur 10 Minuten, dann würde der Zug im Bahnhof ankommen. Bea nahm die Reisetasche und ging auf den Gang hinaus, in dem sich schon viele Menschen drängten.
Als der Zug hielt, zögerte etwas, stieg dann aber doch aus und ging mit festem Schritt zum Ausgang. Ein Taxi war schnell gefunden. Den Zettel mit der Adresse hielt sie schon so lang in der Hand das, dass Papier völlig zerknautscht war. Bea hatte keine Ahnung wo er wohnte und so wunderte sie sich auch nicht als das Taxi aus der Stadt herausfuhr. Immer weiter ging die Fahrt und mit jedem Meter schwand die Selbstsicherheit mit der Bea noch vor nicht mal 3 Stunden in den Zug eingestiegen war.
War es überhaupt richtig zu kommen ? Wie würde er, der ja gar nichts wusste von ihrem Kommen, reagieren ? Ein paar Mal hatten sie über ein Treffen nachgedacht. Doch war es ihm wirklich ernst damit gewesen? Oder hatte er nur mitgemacht weil er spürte wie wichtig es ihr war, weil er spürte wie sehr sie sich sehnte?

Das Taxi hielt vor der angegebenen Hausnummer... sie war angekommen. Angekommen, ja..... aber würde dieses Ankommen auch ein Ankommen bei ihm sein?
Bea stieg aus und stand einen Augenblick unschlüssig auf der Strasse. Gedankenverloren sah sie dem Taxi nach, wie es rasch davon fuhr. Nun war sie hier, wohin sie sich die ganze Zeit gesehnt hatte. Warum um Himmels Willen ging sie jetzt nicht hinein? Es waren nur ca.10 Meter bis zu seiner Tür, aber diese 10 Meter kamen ihr vor als sollte sie den Himalaya besteigen.
Auf 5 Minuten kommt es nach all den Jahren auch nicht mehr an, dachte Bea, während sie zu dem kleinen Park hinüber ging. Dort setzte sie sich auf eine Bank, von der aus sie genau auf das Haus und die Eingangstür sehen konnte.

Vielleicht kam er ja aus dem Haus, es wäre soviel einfacher für sie als zu klingeln. Ihre Hände waren vor Aufregung eiskalt und sie kam sich mehr als albern vor.
Plötzlich öffnete sich die Tür im Haus gegenüber. Bea stockte der Atem. Da war er und sie hätte ihn unter 1000 Menschen erkannt.
Aber er war nicht allein. Bea blieb still sitzen und in ihrem Kopf rauschten seine Worte. Seine Worte, an die sie sich plötzlich so gut erinnerte – und die sie nun erst richtig verstand. Jetzt verstand, was sie die ganze Zeit über nicht verstehen wollte. Das also waren seine Zweifel. Die Zweifel waren klein, schlank, hatten lange blonde Haare und waren sehr jung. Sie waren all das, was Bea nicht war.

Das Pärchen kam direkt durch den kleinen Park auf sie zu. Was würde sie tun wenn er sie hier bemerkte ? Was würde sie sagen sollen, sagen können? Seine Augen begegneten den ihren für einen kurzen Moment, doch er erkannte sie nicht. Er legte seinen Arm um die junge Frau und ging lachend weiter.

Das Handy in ihrer großen Reisetasche klingelte. Bea drückte den Anrufknopf und sagte "Ich bin gut angekommen... und still, nur für sich, fügte sie hinzu...ich weiss nur nicht wo."