Der Weihnachtsbaum


Ich erinnere mich noch das es bei meinen Großeltern üblich war den Weihnachtsbaum selbst zu schlagen. Schon im Herbst ging ich oft mit Großvater durch den Oberharzer Fichtenwald und er schaute einen Baum aus.

Zu groß durfte er nicht sein, denn die alten Oberharzer Bergmannshäuser haben niedrige Decken. Außerdem musste er schön gerade gewachsen sein und keine kahlen Stellen haben.

Eine Woche vor dem Heiligen Abend zogen wir sodann mit dem Schlitten und einer Taschenlampe los um "unseren Baum" aus dem Wald zu holen. Seltsamerweise wartete Großvater immer genau den Abend ab, an dem es schneite und niemand unsere Spuren verfolgen konnte.

Es war immer ein großer Spass und Großvater war stets guter Laune dabei. "Das kann aber auch an dem Getränk in der Thermoskanne gelegen haben, die er von Großmutter mitbekam."

Der Baum wurde nach Hause geschafft und zog erst einmal in den Schuppen ein damit er auftauen und abtropfen konnte. Einen Tag vor dem Heiligen Abend kam er ins Haus und wurde von Großvater persönlich mit blankpolierten Kugeln, Lametta und echten Kerzen geschmückt.
Als besonderes Bonbon gab es 5 bunte Vögel aus feinem Glas. Die wurden vorsichtig an die Fichtenzweige geklemmt und waren mein heimliches Verlangen.

Ab dem Zeitpunkt bis zum Heiligen Abend durfte ich dann nicht mehr ins Wohnzimmer.

Ich erinnere mich noch gut das Großmutter jedes Jahr, wenn der Baum in voller Kerzenpracht erstrahlte, meinen Großvater liebevoll ansah, seine Hand nahm und selbst mit strahlenden Augen sagte:
" Ludwig, in diesem Jahr hast du aber einen besonders schönen Baum ausgesucht."

Außer schönen Erinnerungen an Weihnachten mit den Großeltern sind mir die 5 bunten Vögel aus Glas geblieben, die auch heute noch, nach mehr als 30 Jahren, meinen eigenen Weihnachtsbaum schmücken.



 

© Pia Widera