Der Weihnachtsstollen

Für meine Großmutter begann die Weihnachtszeit in jedem Jahr im November, und zwar genau am Buß- und Bettag. Sie war meist schon früh in der Küche und verteilte alle möglichen Schüsseln und Töpfe auf dem Tisch und auf dem Herd. Es war der Tag an dem die Christstollen gebacken wurden. Zuerst wurden Unmengen von Rosinen in Rum eingelegt und Großvater bekam, mehr als einmal, eine scharfe Rüge das er doch seine Finger davon lassen sollte. Seine Entschuldigung das er doch nur "abschmecken" müsste ließ meine Großmutter nicht gelten.

Der Stollenteig wurde zubereitet und ich musste rühren und rühren und rühren - bis mir die Arme wehtaten und der Zucker im Teig endlich gelöst war. Dann musste der Teig an einem warmen Ort in der Küche "gehen". Ich weiss noch, wie ich, mit erwartungsvollen Augen, vor der Teigschüssel stand und darauf wartete das der Teig "ging". Irgendwo hatte ich wohl die Vorstellung das der Stollenteig eine kleine Wanderung durch die Küche unternehmen würde.

Der Teig "ging" wirklich, zwar nicht durch die Küche, dafür in die Höhe und in die Breite. Fast hatte es den Anschein als wollte er die Schüssel verlassen. Nachdem er sich so vergrößert hatte, kamen weitere Zutaten, die aus einem Berg von getrockneten Früchten bestanden, nicht zu vergessen die restlichen Rum-Rosinen die Großvater beim "abschmecken" noch übrig gelassen hatte, hinein. Großmutter walkte und knetete solang an dem Teig herum, bis die Stollen ihre unverwechselbare Form hatten, dann ging es ab ins Ofenrohr.

Goldbraun wurde er und es duftete herrlich in der Küche und im ganzen Haus. Der Duft war auch das einzigste das uns von dem Christstollen an diesem Tag und in den nächsten Wochen in Erinnerung bleiben sollte. Denn essen durften wir ihn nicht.

Da hatte Großmutter nun soviel Aufhebens von dem Weihnachtsstollen gemacht und dann durfte man ihn nicht essen. Völlig unnütz lag er in einer Ecke und durfte nicht angeschnitten werden. " Der muss noch ziehen" sagte Großmutter.
Ein komischer Kuchen ist das schon, erst soll er gehen und liegt nur faul herum, dann soll er ziehen...

Doch dann kam Heilige Abend. Großmutter deckte in der großen Wohnküche den festlichsten Kaffeetisch des Jahres; und das Beste, das war der Weihnachtsstollen.


 

© Pia Widera